Aufruf: Gedenken an die Progromnacht 1938

Auch in diesem Jahr rufen wir zur Teilnahme an der Veranstaltung zum Gedenken an die Pogromnacht 1938 auf.

Montag, 9. November 2026 ab 18.00 Uhr auf dem Cannstatter Marktplatz

und anschließend Demonstration zum Platz der ehemaligen Synagoge – 19.00 Uhr Kranzniederlegung


Am 9. November jährt sich die Pogromnacht zum 88. Mal. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erreichte der antisemitische Terror des NS-Regimes eine neue Eskalationsstufe. Im gesamten Deutschen Reich sowie in Österreich brannten die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört, tausende Menschen misshandelt, verhaftet oder ermordet. Organisiert und angeleitet wurden diese Verbrechen von NSDAP, SA, SS, Gestapo und anderen Organen des faschistischen Staates. Die Pogromnacht war ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Shoa, dem industriell organisierten Massenmord an über sechs Millionen Jüd:innen – aber auch auf dem Weg zum zweiten Weltkrieg gegen die „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“.

Die Progromnacht in Stuttgart

Auch in Stuttgart beteiligten sich Behörden und Verantwortliche aktiv an den Verbrechen. Die Synagogen in Stuttgart und Cannstatt wurden in Brand gesetzt, jüdische Bürger:innen verfolgt, verhaftet und deportiert. In Stuttgart legte höchstwahrscheinlich der Branddirektor, in Zivil und ausgestattet mit einem Eimer Waschbenzin, selbst den Brand; in Cannstatt war es nachweislich der Leiter der Feuerwache. Unmittelbar nach dem Synagogenbrand und in den Tagen darauf wurden die meisten jüdischen Männer von der Gestapo verhaftet und zeitweilig ins Gefängnis oder in das KZ Dachau verbracht. Erklärter Zweck dieser Maßnahme war es, auf die Betroffenen und ihre Familien Druck auszuüben, um sie zur Auswanderung zu nötigen. Die Ereignisse dieser Nacht und die anschließende staatspolizeiliche Freiheitsberaubung stehen für die systematische Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens durch den deutschen Faschismus und zeigen zugleich, wie eng staatliche Gewalt und gesellschaftliche Ausgrenzung
miteinander verbunden waren.

Olga (StZ: Golda) Bancic, genannt Pierrette, ein Beispiel für internationalen Widerstand

Olga Bancic war eine jüdische und kommunistische Widerstandskämpferin, die zunächst in Rumänien und später in Frankreich gegen Faschismus, Antisemitismus und Unterdrückung sowie für Freiheit, soziale Gerechtigkeit und die Rechte von Arbeiter:innen kämpfte. Sie war Mitglied der französischen Widerstandsgruppe FTP-MOI, auch als Manouchian-Gruppe bekannt. Dort erhielt sie ihren Deck- und Kampfnamen „Pierrette“. Innerhalb der Gruppe transportierte sie Waffen und Sprengstoff und unterstützte Sabotageaktionen gegen die deutsche Besatzung. Nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo wurde sie als einziges Mitglied der Gruppe nach Stuttgart ausgeliefert und schließlich am 10. Mai 1944 dort hingerichtet. Seit 2024 erinnert vor dem Landgericht Stuttgart eine Gedenkstele an sie und ihren Widerstand gegen den Faschismus. Pierrette hat gezeigt: Widerstand ist international. Ihr Lebensweg von Rumänien über Frankreich nach Deutschland macht deutlich, dass der Kampf gegen Faschismus nicht an nationalen Grenzen haltmacht, sondern ein gemeinsamer, internationaler Kampf für Freiheit und Menschenwürde ist.

Widerstand – heute noch dringender!

Ab 1933 wurde der Widerstand systematisch gebrochen. Hunderttausende Kommunisten, Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Christen wurden gefangengenommen, umgebracht oder ins Exil getrieben, um den Weg frei zu machen für Faschismus und Krieg. Menschen im Widerstand wie Georg Elser, die Geschwister Scholl und die Mitglieder der Weißen Rose, Lilo Herrmann und Wilhelm Leuschner inspirieren uns heute, wachsam zu sein und stetig weiter für eine bessere Welt zu kämpfen, anstatt uns von der Politik zurückzuziehen. Heute engagieren sich Organisationen wie die VVN-BdA, die Stolpersteininitiativen, der Verein Hotel Silber und viele andere gegen das Vergessen, gegen Antisemitismus und für den Erhalt demokratischer Rechte in unserem Land. Dabei werden die Angriffe von Rechts auf linke Initiativen immer offener. Innerhalb weniger Wochen gab es einen Mordversuch auf einen
Gewerkschafter und rechtsextreme Schmierereien an den Räumen der Sozialistischen Jugend hier in Stuttgart. Damit sollen Linke eingeschüchtert, ihr Kampf im Keim erstickt werden. Doch für uns ist klar: Wir lassen uns nicht einschüchtern! Dieser Kampf ist wichtiger denn je! Er muss aufrechterhalten und ausgebaut werden.Nach Ende des 2. Weltkriegs haben die deutsche und die US-Regierung versucht, Nazischergen zu schützen, und gemeinsam gegen die Sowjetunion vorzugehen. Der Stuttgarter Ferdinand Porsche, Hitlers Lieblingsingenieur, der Waffen für den Faschismus entwickelte und baute, durfte kurz nach dem Ende des Krieges wieder in den Autobau einsteigen und damit reich werden. Heute ist ein Stuttgarter Gymnasium sowie etliche Straßen und Plätze in ganz Deutschland nach ihm benannt. Und heute wird erneut durch Sozialkahlschlag, Medienmanipulation, Repression und Militarisierung die gesellschaftliche Rechtsentwicklung vorangetrieben. Deutsche Waffen morden mit in aller Welt – z.B. auch in Gaza und im Südlibanon. Die Rechtsentwicklung befeuert den Antisemitismus. Seit Jahren steigen antisemitische Straftaten in der BRD immer weiter an: Schmierereien an Synagogen, Drohmails oder Beleidigungen. Jeden Tag wird mindestens ein antisemitischer Vorfall in Baden-Württemberg dokumentiert – der Großteil davon ist rechtsextrem motiviert.
Vor allem junge jüdische Menschen fühlen sich nicht mehr sicher, da sie sowohl dem wachsenden Antisemitismus, als auch der Jugendfeindlichkeit der Regierung ausgesetzt sind. Wehrpflicht, GKV-Reform, die Rhetorik der Dauerkrise – junge Menschen leiden immer stärker unter der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung. Doch aktuell wehren sich auch mehr junge Menschen dagegen. Zunehmender Widerstand z.B. in der Jugend gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht gibt uns Mut und Hoffnung.

Rechtsentwicklung als Folge der sozialen Probleme – und die AfD sahnt ab

Millionen Menschen glauben nicht mehr an die „freiheitlich demokratische Grundordnung“. Wieder galoppiert die Inflation, wieder wird der Sozialstaat demontiert, wieder wird die Krise rigoros auf die Bevölkerung abgewälzt, während große Konzerne Supergewinne einfahren. Die Rüstung boomt,
während Produktion für den Bedarf der Bevölkerung zurückgefahren wird, weil sich immer mehr Menschen Vieles einfach nicht mehr leisten können. Betriebe werden geschlossen, Personal abgebaut. Die Arbeitslosigkeit explodiert, Unsicherheit und Zukunftsangst greifen um sich. Das ist der Boden, auf dem z.B. die von rassistischen und neofaschistischen Kräften dominierte AfD ihre Erfolge erntet, der Boden für neuen Chauvinismus, neuen Rassismus. Starke Demokratie braucht Vollbeschäftigung für die Menschen, nicht Profite für Wenige und schon gar nicht ein neues Wettrüsten.

Krieg und Faschismus Hand in Hand

Gerade in der deutschen Geschichte wird der Zusammenhang von Militarismus und Faschismus erschreckend deutlich. Der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion jährt sich in diesem Jahr zum 85. Mal. Jetzt sollen wir wieder „kriegstüchtig“ werden. Mit dieser Formulierung wird ungeniert von der Bundesregierung selbst eine Wortschöpfung des Nazi-Propagandaministers Goebbels wiederbelebt. Wie ist es erklärlich, dass der deutsche Verteidigungsminister hartnäckig versucht, einem durch die Nazi-Vergangenheit unmöglich gewordenen Begriff von Untergang und Tod neues Leben einzuhauchen? Weshalb hielt er selbst dann noch an diesem unsäglichen Begriff fest, als Kritik geäußert worden war? Pistorius verteidigte seinen ungeheuerlichen Wortgebrauch im Juni 2024 folgendermaßen: „Es ist notwendig, auch durch die richtigen Begriffe deutlich zu machen, worum es geht.“

Unser Auftrag: Gemeinsam für eine Welt des Friedens und der Solidarität

Dies alles und die zunehmende Gewalt gegen jüdische Menschen in Deutschland durch mehr Angriffe, gezielte Sachbeschädigungen (z.B. von Stolpersteinen) und Bedrohungen ist für uns Antifaschist:innen nicht hinnehmbar! Die Überlebenden des Konzentrationslagers in Buchenwald haben im April 1945 geschworen: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Dieser Schwur ist gleichzeitig ein Auftrag: Kämpfe für eine gerechte, friedliche und solidarische Welt, in der nicht die Profite, sondern die Bedürfnisse von
Mensch und Natur entscheidend sind. Sorge dafür, dass die Schrecken der Vergangenheit sich nicht wiederholen! Wir wollen diesen Auftrag wahrnehmen und rufen zum gemeinsamen Gedenken am 9. November 2026 auf.

Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!

Weitere Infos gibt es unter: https://friedenstreff-nord.de/events/gedenken-an-die-opfer-der-pogromnacht-in-cannstattkopie/

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