Klimatische Situation: Vorhaben der Allianz in Vaihingen

Nach der Veröffentlichung der Karte, die die Bebauungsentwicklung in Stuttgart-Vaihingen seit 1948 darstellt. Veröffentlichen wir heute die Folien von Dr. Jürgen Franke. Anhand der Folien hatte Dr. Jürgen bei unserer „Veranstaltung für nachhaltige Stadtplanung und den Stopp der Allianz-Pläne“ die klimatische Situation und die Auswirkungen der Bebauung dargestellt.

  Die folgenden Darstellungen stammen aus dem Entwurf des Luftreinhalteplans. Wir veröffentlichen die Darstellungen mit Genehmigung des Regierungspräsidums Baden-Württemberg.

Neben der allgemeinen Klimaerwärmung haben wir in Stuttgart ein Problem mit dem Feinstaub, welcher das Neckartor inzwischen bundesweit berühmt-berüchtigt gemacht hat. Hier sind oben der Jahresmittelwert für Feinstaubpartikel der Größe 10 μm und unten die Überschreitungstage (die schwarze Kurve ist die Station Neckartor) dargestellt. Während wir die Mittelwerte seit einigen Jahren einhalten, haben wir nach wie vor zu viele Tageswertüberschreitungen. Die Abholzung hunderter Parkbäume, eine staubige Großbaustelle, Gebäudeheizungen und der immer noch zu viele Autoverkehr sind hier als Hauptursache zu nennen. Während beim Feinstaub der Trend wenigstens in Richtung Grenzwerteinhaltung geht, haben wir ein viel größeres Problem mit den Stickoxiden, auch wenn der von der Presse verliehene Titel „Feinstaubhauptstadt“ garnicht darauf hinweist.

 

Hier ist die gleiche Art der Auftragung für Stickoxide (auch hier die schwarzen Kurven für die Station Neckartor) zu sehen. Man erkennt sowohl bei der Anzahl der Einzelüberschreitungen als auch beim Jahresmittelwert sind wir noch weit von der Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte entfernt. Da auch hier der Verkehr ein Hauptverursacher ist, sind wohl verkehrsbeschränkende Maßnahmen unausweichlich. Dass viele Dieselfahrzeuge erheblich mehr Schadstoffe ausstoßen als angegeben und erlaubt, erschwert die notwendige Luftqualitätsverbesserung. Fahrverbote werden vermutlich nicht mehr zu umgehen sein.

 

Die Rechte für die folgenden Darstellungen liegen beim Amt für Umweltschutz der Stadt Stuttgart, wir veröffentlichen sie hier mit dessen Genehmigung.

Normalerweise kühlt sich Luft ab, wenn sie aufsteigt. Wir haben ja auch in höheren Lagen kühlere Temperaturen als in den Tälern. Abgase haben in der Regel höhere Temperaturen als die Umgebungsluft. Deshalb sind sie im Normalfall auch beim Aufsteigen immer etwas wärmer, was ihnen einen lang anhaltenden Auftrieb gibt. Kommt es nun zu einer Inversionswetterlage, dann entsteht eine Schicht, in der die Temperatur mit der Höhe zunimmt statt abnimmt. Kommt Abgas an eine solche Grenzschicht, ist die Umgebungsluft gleich warm oder wärmer. Der Auftrieb ist weg und die Abgase sammeln sich an dieser Inversionsschicht wie unter einem Topfdeckel. Ist die Inversionsschicht direkt am Boden, spricht man von einer Bodeninversion (rechts im Bild). Ansonsten hat man es mit einer Höheninversion zu tun (links im Bild). Derartige Wetterlagen treten in Stuttgart relativ oft auf, vor allem im Winter.

 

Hier sieht man deutluch den „Topfdeckeleffekt“ einer Höheninversion.

 

Die Rechte für die folgenden Darstellungen liegen beim Stadtmessungsamt der Stadt Stuttgart. Wir veröffentlichen die Karten mit dessen Genehmigung.

Inzwischen sind die lokalen Windsysteme gut bekannt. Sie basieren vor allem darauf, dass sich größere Flächen nachts abkühlen können und diese kalte Luft hangabwärts in die Inenstadt fließt. Die Grafik zeigt die Luftbewegungen im Stadtgebiet. Dicke Pfeile und dunkle Fächen stehen für stärkere Luftströmungen.

 

Dieses Bild zeigt die Kaltluftentstehungsgebiete (schraffierte Flächen). Die blauen Pfeile kennzeichnen die Hangabwinde. Auch hier ist das umstrittene Allianz-Gelände mit einem blauen Punkt markiert. Man sieht, dass eine Bebauung an dieser Stelle die Belüftung in Richtung Innenstadt, Möhringen und Plieningen behindern würde.

 

Wie groß unser ständiger Baulandbedarf ist, zeigen die nächsten Bilder. Hier sieht man im Vergleich den Pfaffenwald 1955 und 2015.

 

Noch deutlicher sichtbar wird das an dem Stadtplanausschnitt von 1965 im Vergleich zu …

 

… 1999. Man sieht, dass nicht nur an einzelnen Stellen, wie dem Pfaffenwald, sondern in der ganzen Stadt massiv Flächen überbaut wurden.

Folgende Darstellungen stammen von uns.

Warum ist die Bebauung nun so problematisch? Einmal natürlich, weil Grünflächen versiegelt wurden. Wo keine Pflanzen wachsen, wird kein Sauerstoff, keine Nahrung für Mensch und Tier produziert. Es geht Lebensraum für Wildtiere verloren, man denke nur an die zuwenigen Insekten bei der Bestäubung unserer Nahrungspflanzen. In Stuttgart sind diese Grünflächen auch Kaltluftentstehungsgebiete. Dadurch dass sich die bewachsenen Flächen nicht so stark erwärmen, andererseits durch Wasserverdunstung auch abkühlen, kühlt dort, vor allem nachts, die Luft ab. Diese Kaltluft kann nun in Form von Hangabwinden u.a. in den Stuttgarter Talkessel hinabfließen – sofern keine Hindernisse in diesen Hangabwindschneisen stehen. Jedes, vor allem höhere, Bauwerk stellt einen Strömungswiderstand dar. Es ist also bei der Bebauung solcher Frischluftschneisen darauf zu achten, möglichst keine oder nur geringe Strömungswiderstände zu errichten. Auch die Anordung von Bauwerken hat einen Einfluss auf deren Strömungswiderstand. Das hier skizzierte Gebäude behindert die Luftströmung weniger, als …

 

… wenn es um 90° gedreht gebaut würde. Eine Bebauung mit hohen Gebäuden in der ganzen Breite der Frischluftschneise kann eine solche Frischluftströmung auch nahezu unterbrechen.

Die Rechte für die folgenden Darstellungen liegen beim Stadtmessungsamt der Stadt Stuttgart. Wir veröffentlichen die Karten mit dessen Genehmigung.

Im Geoinformationssystem der Stadt Stuttgart ist ein 3-D-Modell der Stadt. Hieraus sind diese und die nächsten Grafiken. Man sieht hier die Frischluftschneise, zwischen Gewerbegebiet und Dürrlewang von der Rohrer Höhe aus.

 

Etwas näher herangezoomt erkennt man das umstrittene Gelände, das von beiden Seiten bereits mit Gebäuden umgeben ist. Wenn man jetzt hier eine angenommene Bebauung hineinsetzt, …

 

… erkennt man, dass dadurch die Frischluftschneise erheblich eingeschränkt wird. Unabhängig von den tatsächlichen Plänen der Alianz ist hier einfach die benachbarte Bebauung auf den Sportplatz kopiert worden, um die Luftwiderstandswirkung zu demonstrieren. Ein Planungsgewinn in Millionenhöhe für einen finanzstarken Konzern zu gewähren ist je nach politischer Einstellung positiv oder negativ zu bewerten, eine für das Stadtklima notwendige Frischluftschneise zuzubauen ist eindeutig eine Umweltsünde.

 

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